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Men’s Skincare: Wie eine neue Generation den Hautpflege-Markt neu definiert

  • Autorenbild: IQONIC.AI
    IQONIC.AI
  • 18. Feb.
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 7 Tagen

Vom Rasierer zur Hautpflege – ein historischer Wendepunkt

Über Jahrzehnte folgte Männerpflege einem klaren Muster: Grooming bedeutete Rasur, Deodorant und Haarpflege. Hautpflege existierte, wenn überhaupt, als funktionale Erweiterung der Rasur - positioniert gegen Rasurbrand, Rötungen oder Irritationen. Dieses Modell prägte Produktentwicklung, Marketing und Retail-Platzierung gleichermaßen. Rasur fungierte als kulturell akzeptierter Einstieg in Selbstpflege. Michael Gilman, CEO der US-amerikanischen Männermarke Grooming Lounge und einer der frühen Pioniere moderner Männerpflege, beschreibt rückblickend, warum dieses Modell so gut funktionierte: Rasur galt als eindeutig „maskuline“ Aktivität. Dadurch konnten Marken angrenzende Pflegeprodukte einführen, ohne bestehende Geschlechternormen infrage zu stellen. Hautpflege wurde bewusst als Problemlösung kommuniziert und nicht als „Enhancement“, sondern als „Solution“. Diese Strategie normalisierte Basispflege, setzte der Kategorie jedoch auch klare Grenzen.


Ein strukturell unterschätzter Markt

Heute löst sich dieses Raster zunehmend auf. Der globale Markt für Männerhautpflege wird auf rund 20 Milliarden US-Dollar geschätzt, mit Prognosen von über 30 Milliarden US-Dollar in den kommenden Jahren. Der gesamte Männerpflege-Markt liegt bereits deutlich über 60 Milliarden US-Dollar weltweit. Dennoch erscheint das Segment im Vergleich zur Frauenbeauty-Kategorie häufig als unterentwickelt.


Laut Madhav Pitaliya, Senior Analyst bei Coresight Research, einem international tätigen Research- und Analyseinstitut mit Fokus auf Retail- und Konsumtrends, liegt diese Wahrnehmung weniger an mangelndem Wachstum als an einer strukturellen Fehlmessung. Klassische Marktbenchmarks orientieren sich stark am weiblichen Konsumverhalten und erfassen daher nicht präzise, wie Männer tatsächlich kaufen. Männer erwerben tendenziell weniger einzelne Produkte, kaufen seltener nach und bevorzugen multifunktionale Lösungen. Betrachtet man jedoch Nutzungssituationen, Cross-Category-Käufe und Haushaltsdynamiken, wird das tatsächliche Marktvolumen deutlich sichtbarer.


Die neue Männerpflege beginnt nicht mehr beim Rasierer.
Die neue Männerpflege beginnt nicht mehr beim Rasierer.

Gen Z umgeht den Rasierer

Die vielleicht signifikanteste Veränderung kommt von einer neuen Generation. Während Gen X und ältere Millennials häufig über Rasur in Hautpflege einstiegen, begegnet Gen Z dem Thema direkt über Skincare. Aknebehandlung, Sonnenschutz und Inhaltsstoffwissen - häufig vermittelt über soziale Plattformen - sind heute zentrale Einstiegspunkte. Pitaliya beschreibt diese Entwicklung als Verschiebung von einer „corrective“ zu einer „preventative and expressive“ Logik. Hautpflege wird präventiv verstanden, nicht reaktiv.

Entsprechend stagnieren klassische Rasurkategorien, während Gesichtspflegeprodukte für Männer wie Cleanser, Feuchtigkeitscremes und SPF kontinuierlich wachsen. Auch das Kaufverhalten verändert sich. Die männliche Bevölkerung recherchiert eigenständig, vergleicht aktiv und trifft bewusste Entscheidungen. Retail-Daten zeigen deutlich steigende Suchanfragen nach funktionalen Begriffen wie „face wash for men“ sowie markenspezifischen Produktanfragen - ein Indikator für hohe Kaufintention und informierte Entscheidungsprozesse.


Wissenschaft statt Stereotyp

Auffällig ist zudem, dass Männer sich weniger an explizit „männlich“ gebrandeten Produkten orientieren, sondern stärker an wissenschaftlicher Plausibilität. Daniel Isaacs, Chief Product Officer der dermatologisch ausgerichteten Marke Medik8, beschreibt viele männliche Konsumenten als lösungsorientiert. Sie bevorzugen klare Routinen, multifunktionale Produkte und sichtbare Ergebnisse. Anti-Aging, Sebum-Regulierung und Sonnenschutz zählen zu den zentralen Themen, häufig verbunden mit physiologischen Besonderheiten wie höherer Talgproduktion oder dickerer Hautstruktur.

Gleichzeitig gewinnen genderneutrale Formulierungen an Attraktivität. Hautpflege wird zunehmend als leistungsorientierte Anwendung verstanden - als eine Art „Technologie für die Haut“ - nicht als ästhetisches Ritual. Diese Perspektive verändert, wie Produkte entwickelt, kommuniziert und platziert werden.


Investition, Positionierung und strategische Konsequenzen

Trotz des Wachstums mahnen Branchenexperten zur Differenzierung. Gilman betont, dass rein männlich positionierte Marken wirtschaftlich herausfordernder sein können, da das adressierbare Marktvolumen begrenzt bleibt und Skaleneffekte schwerer erreichbar sind. Langfristig erfolgversprechender erscheinen Plattformen, die Männer integrieren, ohne sie isoliert zu adressieren. Investoren bevorzugen zunehmend geschlechtsinklusive Modelle, die mehrere Zielgruppen bedienen und Cross-Category-Potenziale nutzen.

Für Retailer und Apotheken ergeben sich daraus klare Implikationen. Männerpflege entwickelt sich nicht durch lautstarke Trends, sondern durch strukturelle Verhaltensänderung. Männer suchen Lösungen, keine Inszenierung. Sie reagieren auf Wirksamkeit, Transparenz und Konsistenz. In diesem Kontext gewinnen fachliche Beratung, dermatologische Kompetenz und datenbasierte Personalisierung an Relevanz. Wer funktionale Orientierung bietet und evidenzbasiert argumentiert, kann in diesem Segment nachhaltige Kundenbeziehungen aufbauen.


Ein leiser, aber irreversibler Wandel

Men’s Skincare wächst nicht explosionsartig, sondern strukturell. Die Kategorie löst sich von ihrem historischen Einstieg über Rasur und etabliert sich als eigenständiges Feld zwischen Hautgesundheit, Prävention und Performance. Die entscheidende Entwicklung liegt weniger in längeren Routinen als in einer veränderten Haltung: Männer sind informierter, eigenständiger und bewusster in ihren Entscheidungen.

Die Frage ist daher nicht mehr, ob Männerpflege relevant ist. Sondern wie Marken, Retailer und Gesundheitsanbieter ihre Rolle in dieser sich neu definierenden Kategorie strategisch gestalten.

 
 
 

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